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Aktuelle Seite: Startseite / News / Buchpräsentation „Spuren lesbar machen“ zum NS-Zwangsarbeitslager im Granitwerk Roggendorf/Pulkau

Buchpräsentation „Spuren lesbar machen“ zum NS-Zwangsarbeitslager im Granitwerk Roggendorf/Pulkau

2. März 2026

Am 17. Februar 2026 wurde im Wiener Wiesenthal-Institut für Holocaust-Studien der Band „Spuren lesbar machen. Das NS-Zwangslager im Granitwerk Roggendorf. Neue Formen der Geschichtsaufarbeitung“ (StudienVerlag, 2026) präsentiert.

Zu Beginn stellten die Herausgeber:innen – die Historikerin Edith Blaschitz und der Künstler und Kunstwissenschafter Martin Krenn – die Publikation sowie das zugrunde liegende Forschungsprojekt zum Zwangsarbeitsstandort im Granitwerk Roggendorf bei Pulkau vor. Zwischen 1941 und 1945 wurden dort Kriegsgefangene, „Ostarbeiter“ sowie ungarisch-jüdische Familien zur Zwangsarbeit im Steinbruch eingesetzt. Der Ort steht exemplarisch für unzählige Schauplätze nationalsozialistischer Gewalt, die nach 1945 aus dem öffentlichen Gedächtnis verdrängt oder nur randständig thematisiert wurden.

Heute sind vor Ort kaum noch sichtbare Spuren der NS-Verbrechen erhalten. Über lange Zeit war das Gelände von anderen Erinnerungsschichten überlagert – von seiner Geschichte als früher Industriestandort bis zu Erinnerungen an Badevergnügen am idyllischen Badeteich. Ein künstlerisches Projekt von Maria Theresia Litschauer, das bereits in den frühen 2000er Jahren auf das ehemalige Zwangslager aufmerksam machte, blieb lokal weitgehend ohne Resonanz.

Zwischen 2021 und 2023 realisierte ein interdisziplinäres Team aus Historiker:innen, Künstler:innen und Mediengestaltern ein Projekt zur Sichtbarmachung und kritischen Geschichtsaufarbeitung des Ortes.[1] Initiiert wurde die neuerliche Auseinandersetzung von der renommierten Historikerin Heidemarie Uhl, es war eines ihrer letzten Projekte vor ihrem frühen Tod im August 2023. Ein von Edith Blaschitz und Heidemarie Uhl verfasster Antrag wurde vom  LandNiederösterreich und dem Bundesministerium für Kunst und Kultur ermöglicht (Unterstützung Georg Vogt, Einreichung Verein OpenGlam).

Der nun vorgestellte Sammelband versammelt u.a. Beiträge zum Stellenwert von Zwangsarbeit in der aktuellen Erinnerungskultur, zur Kunst als vermittelnder Praxis sowie zur methodischen Konzeption des Forschungsprojekts, das historische Forschung, Kunst, partizipative Ansätze und digitale Technologien integrativ verbindet. Neben der rekonstruierten Geschichte des NS-Zwangslagers enthält der Band auch Erinnerungen und Reflexionen von Nachkommen – aus den Familien der ehemaligen Werkbetreiber und der lokalen Bevölkerung ebenso wie von Nachkommen jüdischer Zwangsarbeiter:innen aus Israel und Australien. So entsteht ein multiperspektivisches Bild, das die Bedeutung eines vermeintlich peripheren und vergessenen Ortes als Schnittpunkt transnationaler Erinnerung offenlegt.

Im Anschluss an die Präsentation diskutierte die Gastgeberin Eva Kovacs, Vizedirektorin des Wiesenthal-Instituts, mit den Herausgeber:innen, dem Pulkauer Bürgermeister Leo Ramharter sowie dem Regionalforscherpaar Herta und Herbert Puschnik. Im Zentrum stand zunächst die Perspektive der Pulkauer Bevölkerung: Obgleich von einem von außen kommenden Forschungsteam mit der Geschichte des Gewaltortes konfrontiert, engagierten sich viele Bewohner:innen aktiv im Projekt – als Teilnehmer:innen der vom Historiker Wolfgang Gasser geleiteten Geschichtswerkstatt, bei der Organisation von Veranstaltungen und Aussendungen durch die Gemeindevertreter:innen sowie durch die Unterstützung des örtlichen Vereins „Bildung hat Wert“. Die Projektveranstaltungen, darunter die Präsentation der Forschungsergebnisse, stießen auf großes Interesse. Nachhaltigen Eindruck hinterließ, wie die Pulkauer Diskutant:innen betonten, der Besuch von Mira Knei-Paz, die als Kind einer jüdischen Zwangsarbeiterin in der Nähe von Pulkau geboren wurde und gemeinsam mit ihrer Enkelin aus Israel anreiste und von ihrer Involvierung in den Ort erzählte. Herta und Herbert Puschnik berichten auch davon, wie sie nach Projektende gemeinsam mit der Gemeinde einen Gedenkstein für ermordete jüdische Pulkauerinnen initiierten, um deren Namen und Schicksale dauerhaft im öffentlichen Raum sichtbar zu machen.

In der anschließenden Debatte, an der sich weitere Mitglieder des Projektteams sowie Nachkommen beteiligten, wurden persönliche Erfahrungen aus dem Forschungs- und Beteiligungsprozess reflektiert. Thematisiert wurde auch hier die Herausforderung, sich mit NS-Gewalt im unmittelbaren Lebensumfeld oder in der eigenen Familiengeschichte auseinanderzusetzen. Wolfgang Gasser berichtete von der Einbindung einer Schulklasse der Neuen Mittelschule Pulkau und vom Umgang mit kritischen Reaktionen aus der Bevölkerung. Die Künstlerin Rosa Andraschek hob die Auseinandersetzung mit dem „lückenhaften Gedächtnis“ hervor, die ihren künstlerischen Beitrag wesentlich prägte. Martin Krenn betonte, dass sein künstlerischer Beitrag keine didaktisierte Führung durch das Gelände, sondern eine eigene Auseinandersetzung mit dem Ort und seinen Geschichten zum Ziel hat.

Einig war man sich schließlich, dass die Auseinandersetzung mit Geschichte nicht mit diesem Projekt zu Ende sei. So wird in Pulkau, wie Edith Blaschitz anmerkt, zwar an die 1944 hingerichtete Widerstandskämpferin Anna Goldsteiner erinnert, bislang jedoch nur durch eine kleine Tafel an einem wenig sichtbaren Ort. Es stellt sich hier also die Frage, wie auch die Erinnerung an diese mutige Frau künftig präsenter und nachhaltiger in der lokalen Erinnerungskultur verankert werden kann.

Foto Credits (c) VWI

 


Info:
Edith Blaschitz, Martin Krenn (Hrsg.): „Spuren lesbar machen. Das NS-Zwangslager im Granitwerk Roggendorf. Neue Formen der Geschichtsaufarbeitung“ 
StudienVerlag 2026

Mit Beiträgen von Aleida Assmann, Heidemarie Uhl, Edith Blaschitz, Martin Krenn, Georg Vogt, Wolfgang Gasser, Claudia Theune, Ferdinand Melichar, Mira Knei-Paz, Wolfgang Liko, Mirjam Rajner, Agnes Bankier, Lukas Jäger, Herta und Herbert Puschnik, Ludwig Wurst, Martina Genetti, Rosa Andraschek und Cornelia Offergeld. Das Buch enthält zudem künstlerische Inserts und zahlreiche Fotos.

Die Buchpublikation wurde gefördert von:

HBK Hochschule für Bildende Künste Braunschweig
first – Forschungsnetzwerk Interdisziplinäre Regionalstudien
Land Niederösterreich – Abteilung Wissenschaft – Forschung
Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus

Info Forschungsprojekt „Spuren lesbar machen“
Künstlerisches Projekt Rosa Andraschek: Memory Spaces
Künstlerisches Projekt Martin Krenn: Der Steinbruch, das Lager und die Ortschaften

 

 

 

[1]  Spuren lesbar machen. Labor zu Kunst, Partizipation und digitalen Räumen; Laufzeit: 11/2021–4/2023; Konzeption und Leitung: Edith Blaschitz (Universität für Weiterbildung Krems), Heidemarie Uhl (Österreichische Akademie der Wissenschaften); künstlerische Umsetzungen: Rosa Andraschek, Martin Krenn; Forschungspartner: Georg Vogt, Clemens Baumann, Alexander Schlager (FH St. Pölten); Wolfgang Gasser (Institut für jüdische Geschichte Österreichs); Antragseinreichung und Projektmanagement: Sylvia Petrovic-Maier (OpenGLAM); Organisationsunterstützung: Daniela Wagner (Universität für Weiterbildung Krems); Projektpartner: Stadtgemeinde Pulkau; Kulturverein Bildung hat Wert, Pulkau. Kooperationspartner: Claudia Theune (Institut für Urgeschichte und Historische Archäologie, Universität Wien); Paul Mahringer (Bundesdenkmalamt, Erfassungsprojekt der NS-Opferorte), Georg Kremser (erinnern.at), Gerald Lamprecht (Universität Graz, Centrum für jüdische Studien); Gefördert von: Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport; Landesregierung Niederösterreich, Abteilung Kunst und Kultur.

Kategorie: News

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